
FORMAT
noise200, LP
History Series #004
STATUS
available
RUNNINGTIME
56 min. 47 sec.
TRACKLIST 2xLP
A1 Kickback
A2 Born lnvisible
A3 Hatefriends
A4 HeadGun-MindDrill
B1 Adrenalizer
B2 Release
B3 Tools
B4 Pushing The Cranium
C1 Purifier
C2 Targets
C3 Waiting Room
D1 Sinkhole
D2 Purge
D3 Feed The Tumors
PRESSING INFORMATION
200 copies 2xLP, 180g vinyl, Gatefold, DL Codes included
RELEASE DATE
24.10. 2025
Fetish 69 ist eine solcher Bands, die nie wirklich verschwinden, weil sie nie ganz da waren. Ende der 1980er Jahre inmitten einer Wiener Szene, die zwischen Punk, Metal und künstlerischer Provokation schwankt, entstanden, bewegte sich das Projekt von Beginn an außerhalb klar definierter Szenen. Was hier unter dem Namen einer Band firmierte, war eher ein instabiles System: wechselnde Mitwirkende, offene ästhetische Entscheidungen, eine bewusste Distanz zur Idee von Identität als Marke. Fetish 69 existierten nie als Versprechen, sondern als Zustand – vorläufig, widersprüchlich, jederzeit revidierbar.
In den 1990ern, als alternative Gitarrenmusik und Industrial längst ihre jeweiligen Dogmen ausgebildet hatten, wirkten Fetish 69 wie ein Fremdkörper. Zu rockig für die Elektronik-Fraktion, zu unberechenbar für den Metal-Kontext, zu körperlich für reine Konzeptkunst. Genau daraus speiste sich ihre Relevanz.
Stil, Körper, Störung
Der Sound von Fetish 69 war nie eindeutig aggressiv, sondern insistierend. Gitarren fungierten weniger als Träger von Riffs, sondern als Texturen, als Widerstand. Die Elektronik war nicht futuristisch, sondern funktional: Beats als Zwang, Loops als Belastung, nicht als Einladung. Früh zeigte sich hier ein Interesse an dem, was man vielleicht „Körpermusik ohne Erlösungsversprechen“ nennen könnte.
Mit der Zeit verlagerte sich der Fokus von unmittelbarer Konfrontation hin zu Struktur, Wiederholung und Fragmentierung. „Purge“, 1996 erschienen, ist der Moment, in dem diese Verschiebung greifbar wird. Es ist kein Übergangsalbum im klassischen Sinn, sondern eine Verdichtung: weniger Explosion, mehr Druck.
Purge als Verdichtungsraum
„Purge“ klingt wie ein Album, das sich permanent selbst überprüft. Der Titel suggeriert Reinigung, Entlastung, vielleicht sogar Befreiung – doch musikalisch passiert das Gegenteil. Die Stücke wirken wie Prozesse ohne Abschluss. Rhythmen setzen ein, werden etabliert, aber nie eingelöst. Grooves entstehen, um sofort wieder entzogen zu werden.
Der Albumauftakt arbeitet mit schwerem, fast industriell wirkendem Puls. Alles scheint auf Funktion reduziert: Schlag, Fläche, Stimme. Kein Ornament, kein Überschuss. Hier wird ein Raum definiert, in dem sich das gesamte Album bewegt. Es ist ein Sound, der weniger erzählt als testet: Wie lange hält man das aus?
In den zentralen Stücken von „Purge“ verdichten sich diese Motive. Die Musik wird langsamer, zäher, beinahe hypnotisch. Gitarren schleifen eher, als dass sie führen, elektronische Elemente legen sich wie ein Raster über das Geschehen. Die Stimme bleibt dabei seltsam distanziert – nicht als Autorität, sondern als weiteres Element im System. Themen wie Kontrolle, Normierung, Selbstdisziplin und Entleerung werden nicht ausformuliert, sondern körperlich erfahrbar gemacht.
Gegen Ende des Albums öffnen sich die Strukturen minimal. Einzelne Passagen wirken luftiger, fast ambient, ohne je wirklich leicht zu werden. Es sind Momente der Ausdünnung, nicht der Entspannung. „Purge“ endet nicht, es bricht ab – als wäre der Prozess schlicht noch nicht abgeschlossen.
Die Veröffentlichung
Die Wiederveröffentlichung im Oktober 2025 behandelt „Purge“ erfreulich respektvoll. Der neue Master legt Details frei, die zuvor im dichten Gesamtbild untergingen: feine rhythmische Verschiebungen, subtile elektronische Texturen, das bewusste Spiel mit Leerräumen. Gleichzeitig bleibt der Sound roh genug, um seine ursprüngliche Unbequemlichkeit zu bewahren. „Purge“ wird hier nicht geglättet, sondern lesbarer gemacht. Als Goodie, hat Noise Appeal Records die Wiederveröffentlichung, um den bisher nicht veröffentlichten Song „Feed the Tumors“ verlängert.
Fazit
„Purge“ ist kein Album für schnelle Wiederentdeckung oder nostalgische Rückversicherung. Es ist sperrig, langsam, manchmal frustrierend – und gerade darin bemerkenswert aktuell. In einer Gegenwart, in der selbst radikale Musik oft auf sofortige Wirkung setzt, wirkt Fetish 69s kompromisslose Prozesshaftigkeit beinahe subversiv.
Diese Wiederveröffentlichung ist keine Pflichtübung für Komplettisten, sondern eine Einladung, sich auf ein Album einzulassen, das sich konsequent jeder Eindeutigkeit entzieht. Wer bereit ist, Zeit und Aufmerksamkeit zu investieren, wird mit einem Werk belohnt, das nicht gefallen will – sondern bestehen. (Lagartija Nick)
OX Fanzine #183
FETISH 69 gehören zu den österreichischen Pionieren in Sachen Industrial Rock/Metal, die bereits 1987erste Aufnahmen auf Musikkassette veröffentlichten, 1988 folgte in Eigenregie die erste Single „Pig Blood!“, die 1991 noch mal mit Label-Unterstützung erschien. Das erste Album „Antibody“ (mit dem Song „Pig blood!“) folgte 1993 und erschien hierzulande bei Nuclear Blast. Obwohl mir Industrial Rock, vor allem Leitfiguren wie MINISTRY und NINE INCH NAILS, zu dieser Zeit eher auf den Geist gingen, ebenso wie die damit verbundenen Crossover-Versuche im Alternative Rock, hatte ich durchaus eine Schwäche für die Österreicher. Zumal das erste Album „Antibody“ ein Selbstporträt des Aktionskünstlers Günter Brus, ein Vertreter des Wiener Aktionismus, mit verstörender Gesichtsbemalung zierte, das gut zur radikalen Musik passte und die eigentümliche Faszination für die Band verstärkte. Drei Jahre später erschien der Nachfolger „Purge“, veröffentlicht beim deutschen Label Community. Auch hier faszinierte gleich das Artwork, bei dem Teile eines Gemäldes („The Waiting Room“) des Extrem-Künstlers Joe Coleman verwendet wurden, der auch bei zwei Songs ein Intro und Spoken Words beisteuerte. Wer damals UNSANE, THE YOUNG GODS, FOETUS oder COP SHOOT COP mochte, kam nur schwer an „Purge“ vorbei. Erfreulicherweise ist das Album knapp 30 Jahre später immer noch gut hörbar und klingt so apokalyptisch, wie Colemans Artwork aussieht. Auch produktionstechnisch ist „Purge“ gut gealtert, die Band hatte schon eine klare Vision, wie sie sich präsentieren wollte, unterstützt von Earchache-Hausproduzent Paul Johnston und Billy Anderson, der ja auch mit NEUROSIS gearbeitet hatte. Auf den beiden folgenden Platten „Geek“ und „Atomized“ klangen FETISH 69 dann zwar deutlich elektronischer, eher wie TRICKY oder MASSIVE ATTACK, aber auch dieser stilistische Wandel funktionierte. Auf Vinyl erscheint „Purge“ jetzt das erste Mal, als Doppel-LP im Gatefold-Cover und dementsprechend kostspielig, und mit dem bisher unveröffentlichten Track „Feed the tumors“. Das Artwork wurde leicht verändert und zeigt jetzt auf dem Cover einen größeren und deutlich expliziteren Ausschnitt des provokanten Coleman-Gemäldes. (Thomas Kerpen, 8/10)
Noch eine Band mit steirischen Wurzeln. Noch eine Neuauflage. Und wieder aus demselben Grund: Das Original gab es nur als schnöde CD. Was natürlich besonders schade war, denn das ziemlich heftige Cover stammt von Joe Coleman und der ist Kult. Die Doppel-LP hat ihren Preis, das ist beim „Sir“ oben auch so. Aber wer möchte bei dieser auf 200 Stück limitierten LP nicht zuschlagen? Zumal Fetish 69, das war ja nicht irgendeine Band. Sondern ein Rohdiamant, eine Art-Industrial-Metal-Goth-Hardcore-irgendwas Mischung vom Feinsten. Es gibt zusätzlich zum fetzigen Original-Material noch einen bisher unveröffentlichten Track. Und es gibt feines Gatefold-Cover für Feinspitze. Lust bekommen?
Prolific Austrian indie label Noise Appeal Records has reissued Fetish 69’s 1996 album, Purge, available for purchase via their webstore. Previously released as a CD, and now presented as a double vinyl LP, it’s a sonic reappraisal of one of Austria’s most fiercely unique sonic exports. Purge DLP roams through the fog with a raw, abrasive, heavy, tightly crafted sound that justifies its cult status and its newfound physical permanence. For listeners primarily accustomed to the main players of the genre, this record offers an essential, non-Anglocentric perspective on the junction of industrial, noise rock, and extreme metal, placing Fetish 69 as a crucial, if overlooked, chapter in the history of industrial metal. The band operates at the intersection of three distinct stylistic poles: the rhythmic, mechanical pulse of industrial, the crushing weight of mid-nineties alternative metal, and the chaotic, raw noise rock friction. Unlike many of their contemporaries who leaned heavily into programmed sterility, Fetish 69 ensured that the machine remained subservient to the human element. The band’s four components, vocals, guitar, bass, and drums, function as an unstoppable bone-breaking machinery ready to tear down everything in a broader radius.
The drumming is frequently highlighted as excellent, a description that feels almost understated, because this performance exemplifies controlled percussive violence. Rather than simply providing time, the drums act as a second layer of rhythmic noise, shifting between propulsive, straight-ahead metal beats and unpredictable, fractured noise-rock patterns. This versatility prevents the album from settling into industrial monotony. The bass is high in the mix, often adopting a distinct, grinding tone that threads complex counter-melodies against the guitar’s foundation, recalling the structural experimentation of bands like The Jesus Lizard or even the early, heavier work of Helmet, yet filtered through a darker, Central European sensibility. This rhythmic interplay provides the sophisticated backbone, demonstrating that aggression does not necessitate simplicity. The upper end of the frequency spectrum is dominated by the twin forces between guitars and vocals. The riffs are undeniably ultimately heavy, possessing a thick, sludgy texture that channels the groove and power of bands like Godflesh, Ministry, and even the more experimental edges of Prong. Fetish 69 turned distortion into a textural rather than purely harmonic tool that keeps the material feeling perpetually dangerous.
Lyrically and tonally, the vocals act as the primary storytelling device, providing an emotional, soulful, aggressive counterpoint to the metallic machinery. The vocals shift between guttural, hardcore-inflected shouts, a more measured, almost spoken industrial drawl, and moments of genuine, dark melody. These singing techniques lend weight and atmosphere to their dark aesthetics, while the combination of fierce vocal delivery over a grinding backdrop creates an atmosphere of anxious power and contained hostility, confirming the album’s status as a quintessential ’90s industrial document, free from the excessive polish that would later define much of the genre. The original 1996 CD release of Purge marked a high point for the group, but this double vinyl edition, strictly limited and beautifully produced by Noise Appeal Records, allows the album to be appreciated in its most aesthetically ambitious form. The hefty vinyl format inherently emphasizes the dynamic range and low-end presence, allowing the aforementioned intricate basslines and heavy guitar riffs to breathe with a tangible, room-filling weight that a 1990s CD mix might have compressed. Furthermore, the inclusion of a bonus track expands the original vision, offering completists and new fans alike a deeper look into Fetish 69’s creative work.
Crucially, the deluxe gatefold sleeve features the artwork of none other than Joe Coleman, a piece of art history in itself. Coleman’s visceral, hyper-detailed, and often grotesque work perfectly mirrors Fetish 69’s sonic philosophy, a gaze into the darker corners of human experience, rendered with obsessive detail. This visual component frames the music within a specific, challenging artistic context, making the Purge DLP reissue a genuinely immersive multimedia experience for those interested in industrial culture and dark aesthetics. Purge DLP is a mandatory acquisition for anyone serious about the ’90s underground, specifically the nexus of industrial, metal, and hardcore. It is a record that demands active listening, especially for those music enthusiasts who appreciate layers of rhythmic complexity and genuine emotional rawness. Fetish 69’s return, even in the form of a retrospective, once again exemplifies how raw, radical, and unique music can remain relevant decades after its initial emergence. This reissue is a vital, heavy, and incredibly well-executed piece of work that deserves a place next to the era’s titans. Therefore, head to Noise Appeal Records for more information about ordering.